rote Zwiebelringe nebeneinander

Von Zwiebeln, Kreativität und Studium

Eine Prise Kreativität

Was zum Teufel haben Zwiebeln, Kreativität und Studium miteinander zu tun? Vielschichtig. Das sind sie wohl alle. Die Zwiebel hat über hundert Schichten und die Kreativität hat so viele ineinander geschichtete Definitionen, dass man gar nicht weiß, welche jetzt eigentlich richtig ist. Aber ist Kreativität nicht einfach nur Kunst? Nee. Zumindest bezeichnen wir vieles als kreativ, was gar keine Kunst ist. Kreativ ist halt kreativ, etwas Neues, womöglich noch nie Dagewesenes, eine Überlegung, auf die man selbst nicht gekommen wäre oder etwas, was wir selbst noch nicht können. Jedoch – ist das wirklich die Definition von Kreativität?

Kreativität ist auch eine Antwort auf ein unmögliches Problem, eine Art seine Persönlichkeit zu definieren oder die Grenzen dieser Welt zu überschreiten. Zumindest meint Rob Pope, dass Kreativität „Eine typisch moderne Antwort auf ein typisch modernes Problem“ darstellt (Pope 2005, S. 19-20, zitiert nach Ziaja 2021, S. 25). Die Welt wird immer schneller, die Technologie entwickelt sich ständig weiter, wer soll da noch durchblicken? Wir, die Kreativen, so die Theorie. Trotz der vielen Definitionen gibt es keine klare Antwort auf die Frage, was Kreativität ist. Auch wenn vereinzelt Zustimmung herrscht, gibt es bis heute keine einzige Erklärung, die zu hundert Prozent alle Ansätze abdecken kann. Es ist also fast egal, wie du dieses Wort benutzt, denn es bedeutet praktisch alles, oder? Wenn jemand eine neue Spick-Art erfunden hat, um den Lehrer auszutricksen, bezeichnen wir das als kreativ. Oder wenn jemand ein Bild malt, das wir nicht so gut malen könnten, dann ist das wieder kreativ. Kreativ kann eigentlich alles sein. Eine Antwort auf ein Problem oder einfach was komplett Neues, was noch nie jemand gemacht hat. Wenn ihr also unbedingt eine Definition braucht: Neuartigkeit, Sinnhaftigkeit und soziale Akzeptanz (Preiser 2010, S. 3) kommt dem wohl am nächsten.

Aber eigentlich doch nicht…

Niemand ist (un)kreativ geboren

Kreativität ist ein Talent. Kreativität ist das Ergebnis von Genie. Kreativität kommt von göttlicher Inspiration. Von kleinen Wesen in der Schreibmaschine, die man regelmäßig füttern muss, damit sie das eigene Schaffen fördern. Klingt unwahrscheinlich, oder? Ist es auch. Die eben erwähnten Thesen entstammen entweder längst vergangenen Vorstellungen zur Kreativität oder sind ganz frech aus einer Kurzgeschichte von Stephen King geklaut. Nein, inzwischen wissen wir: Kreativität ist erlernbar. Aber wie geht das eigentlich? Musst du jeden Tag schreiben, malen, musizieren, musst du üben und trainieren, als würdest du in ein kreatives Fitnessstudio gehen? Gibt es einen Trainingsplan und wenn ja, wo findest du den? Oder musst du das in der Schule lernen, im Studium? Schauen wir doch mal, ob wir ein paar von den Fragen beantworten können.

Zunächst mal: Nein, in der Schule wirst du höchstwahrscheinlich nicht lernen, wie man kreativ ist. 

Aber halt! Nun magst du vielleicht sagen: „Das interessiert mich alles gar nicht, das ist für mich doch längst vorbei, ich möchte wissen, was ich jetzt tun kann!“ Das ist ein fairer Einwand. Okay, also du hast zahlreiche Möglichkeiten, Kreativität im Selbststudium zu erlernen.

Der Informationsmarkt gibt da einiges her! Eine Vielfalt von Ratgeberliteratur, Trainings zum Selbststudium (vgl. Preiser und Buchholz 2007, S. 20) und eine ungezählte Masse an Internetressourcen, mit Tipps, mit Anleitungen, mit ganzen Kursen, ob nun frei zur Verfügung oder aber im Austausch für eine Gebühr. Es ist möglich, sich ein kreatives Feld im Selbststudium zu erschließen. Doch das kann ein einsamer und deshalb steiniger Weg sein. Die folgende These müssen wir mit eigenen Erfahrungen untermauern: Das kreative Studium ist von unschätzbarem Wert für einen jungen Kreativen. Das hängt stark vom Kreativitätsklima ab, in dem man sich bewegt. Denn im besten Fall sollte dieses Klima aktivieren, motivieren, Vertrauen aufbauen, Hemmungen abbauen und die Unabhängigkeit des Denkens fördern (Preiser 2010, S. 9).

Schon eine Menge, worauf du da achten musst. Aber eben jene Atmosphäre findet man in einem kreativen Studium und so ist es der beste Ort, Kreativität zu erlernen oder aber zu kanalisieren. Das Umfeld spielt dabei eine besondere Rolle. Umgeben zu sein von anderen Kreativen, das fördert das Selbstbewusstsein. Das motiviert endlos. Das Studium ist nämlich vielschichtig, wie die Zwiebel und das bedeutet, dass man immer weiter schält, aber nie wirklich ankommt. Wie in der Kreativität.

Meine Persönlichkeit und Ich

Und wie in der Persönlichkeit! Die ist ja auch vielschichtig! Die ist sogar so vielschichtig, dass es fünf wichtige Persönlichkeitsmerkmale für deine Kreativität gibt. Das sind: Extraversion/Intraversion, emotionale Stabilität, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit. Die „Big Five“! (Hubounig 2013, S. 95) Kennt man doch, oder?

Falls nicht: Extraversion bzw. die Intraversion, besser bekannt als extrovertiert oder introvertiert sein, schließen Aspekte wie Spontanität, Kontaktfreudigkeit und Selbstbewusstsein ein. Ein weiterer Faktor ist die emotionale Stabilität, die darauf anspielt, inwiefern man im Leben angstfrei ist, auch in Bezug auf das Interagieren mit anderen. Zudem noch Verträglichkeit, was sich vor allem auf das Verhalten in Gruppen bezieht, also wie sehr wir mit dem Strom schwimmen oder nicht. Die letzten beiden Faktoren sind Gewissenhaftigkeit und Offenheit für Neues. Offenheit ist die wichtigste Eigenschaft in Bezug auf Kreativität. Die Persönlichkeitsmerkmale bilden eine von drei wichtigen Komponenten der Kreativität.

Doch nicht nur unsere Persönlichkeit spielt eine Rolle in der Kreativität, sondern ebenso unsere Motivation. In der Kreativitätsforschung werden dabei zwei Arten unterschieden. Extrinsische Motivation bedeutet, dass man seine Aufgaben aus Gründen wie Belohnungen in Form von Gehaltserhöhungen oder Lob macht. Also ist hierbei die Produktivität von äußeren Faktoren abhängig. Anders bei der intrinsischen Motivation. Hierbei geht es um die innere Leidenschaft, die uns antreibt, die Passion für das, was wir tun. (vgl. Ryan und Deci 2000, S.56)   In unserem Fall das Schreiben, in eurem vielleicht etwas anderes Kreatives. Intrinsische Motivation hat einen deutlich positiven Effekt auf die Kreativität, denn es braucht keinerlei Anreize, kreativ zu sein, somit sind wir völlig unabhängig. Trotzdem gibt es immer wieder Momente, in denen es sich anbieten wird, durch extrinsische Anregungen die Motivation ein bisschen anzukurbeln. Gerade bei Aufgaben, die einem einfach nicht so recht zusagen. 

Sei einsam, du Schreiberling!

Ernest Hemingway sagte einst: „Je weiter du beim Schreiben gehst, desto einsamer bist du.“ Wie schön es doch ist, dass dies heute nicht mehr der Fall ist. Sogar eher das Gegenteil: In vielen kreativen Bereichen wird in Gruppen gearbeitet. Ein bekanntes Beispiel ist der Writers‘ Room von vielen erfolgreichen Serien oder auch Romanprojekten wie „Good Omens“ von Terry Pratchett und Neil Gaiman oder „Der Talisman“ von Stephen King und Peter Straub. Diese Beispiele zeigen auf, dass in Teamwork Großes entstehen kann. Der Text von Hubounig, „Kreativitätsbarrieren in Gruppen und ihre Überwindung“ behauptete ebenfalls, dass die Strukturen innerhalb der Gruppe viel auf die Kreativität Einfluss nehmen. So kann beispielsweise eine sehr heterogene Gruppe mit unterschiedlichem Alter, Herkunft etc. davon profitieren, dass die Kreativität innerhalb der Gruppe gesteigert wird. Der Vorteil besteht dank unterschiedlicher Erfahrungswerte, Ansichten und einem diversen Wissensstand. Aber auch homogene Gruppen, mit sehr ähnlichen Gruppenmitgliedern, können profitieren, weil sie sich schneller einig werden und das Konfliktpotential minimiert ist (vgl. Hubounig, S. 106). Wir, im Studium, haben die Erfahrungen gemacht, dass wir als heterogenen Gruppe viel voneinander profitieren können.

So kommen wir alle aus unterschiedlichen Bereichen, manche sind jünger, manche älter und doch können wir uns alle für etwas begeistern: das Kreative Schreiben. Wir haben schon oft erlebt, dass bei uns in Gruppen kreative, geniale Ideen zusammenkommen, wenn wir gemeinsam Brainstormen. Das Konzept von Brainstorming kommt übrigens von Osborn (vgl. Amabile, S. 5). Er behauptete um 1960, dass die Generierung kreativer Ideen durch Gruppen verbessert werden kann. Und derselben Meinung sind wir auch.  

Wir, die Studierenden des Kreativen Schreibens, kennen uns erst seit wenigen Monaten. In einem neuen, unbekannten Team arbeiteten wir über das erste Semester gemeinsam an verschiedenen Schreibprojekten. Unsere Kreativität wurde damit positiv beeinflusst und nebenbei haben wir uns noch kennengelernt. Und sogar Freundschaften geschlossen.

Albert Einstein hatte keine Lust auf Schule!

Zurück zu den Zwiebeln. Zwiebeln sind genauso voller Etappen und Schichten wie die Gesellschaft selbst, die sich in ihrer Vielfältigkeit von allen Regeln abgrenzt. Und jetzt reden wir doch mal über Schule, wir kommen nicht drum rum. Bereits 1990 argumentierte der Managementtrainer Gerhard Huhn „dass die einseitig kognitive Ausrichtung der Lehrpläne die schöpferischen Fähigkeiten unterdrückt und damit eine Verletzung des Artikels 2.1, die freie Entfaltung der Persönlichkeit, verletzt“ (Preiser 2010, S. 22) Wird unsere Kreativität also systematisch unterdrückt? Bekommen wir gar nicht die Gelegenheit, kreativ zu denken? Und Albert Einstein, der fand sein Internat einengend. Er konnte sich erst nach seinem Schulwechsel frei entfalten und ein paar Jahre später, stellte er schließlich einige der bedeutendsten Theorien der Physik auf (vgl. Amabile, S.4).

Schon in der Schule wurde uns beigebracht: Unsere kreative Beschäftigung ist nur eine Ablenkung davon, was wirklich wichtig ist. Damit ist wohl gemeint, zu lernen, wie man sich in erwachsener Gesellschaft verhält und Geld zu verdienen.

Aber noch ist nicht alles verloren. Denn eine Lehrkraft mit hoher verbaler Kreativität und einer kreativitätsfreundlichen Einstellung wird sich positiv auf die sprachlichen und zeichnerischen Kreativitätsleistungen der Schüler:innen auswirken. Wo wir wieder bei der extrinsischen Motivation wären. Wenn die Lehrerin dann noch Persönlichkeitsmerkmale wie Selbstsicherheit und Unabhängigkeit mitbringt, dann korreliert das noch besser mit dem Unterrichtsklima (vgl. Preiser 2010, S. 9). Sicher kann sich fast jeder Mensch an diesen einen Lehrer erinnern, den man besonders gut leiden konnte, der einen inspirierte und dessen Unterricht man einfach gerne besuchte. Einen Haken hat die Sache jedoch: Messbare, konsistente Erfolge waren erst nach zwei Jahren Lehrtätigkeit in der Klasse nachvollziehbar. Trotz allem benötigt das Schulsystem also einen langen Atem, um den Kindern die Kreativität näherzubringen. 

Und vielleicht auch das Wissen, den wissenschaftlichen Fortschritt voranzubringen, und damit nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Nation oder Menschheit zu bewegen. Aber selbst das fügt sich nicht so ganz. Denn diese Arbeit braucht nicht einfach nur das Wiederholen von Fakten, Wissen, sondern es benötigt eine Offenheit dafür neue Dinge zu finden und zu schaffen.  

Und auch beim Geldverdienen ist eine gewisse Kreativität notwendig, um Arbeitgebern aufzufallen. Was ironisch ist, denn die meisten Firmen wollen gar keine kreativen Ansätze. Es ist etwas, dass sich auf Papier für viele gut anhört, das sich statistisch als sinnvoll beweisen kann, das aber in der Praxis ihrem Sicherheitswunsch widerspricht. Denn eine kreative Vorgehensweise oder Antwort auf Schwierigkeiten in einer Firma, ja, eine solche Antwort wird als Risiko eingestuft. Denn wenn es gelingen kann, kann es genauso hart schiefgehen. Daher werden kreative Vorschläge im Berufsleben meist ignoriert und stattdessen wird gerne darauf beharrt, was man schon kennt – klar, dass sorgt vielleicht dafür, dass die Firma untergeht, aber wenigstens weiß man, dass der Eisberg vorne ist und rennt nicht womöglich auf ein Riff unter den Wellen daneben (vgl. Sternberg und Kaufman; S.477)! In der Kreativbranche ist das natürlich ganz anders. Nee, eigentlich nicht. Da gibt es sogenannte „Torwächter“, Expert:innen in ihrem Feld, die uns den Zugang in die kreative Welt verwehren wollen. Nieder mit ihnen, sagen wir dann! Aber wir haben noch einen anderen Vorschlag. Freundet euch mit ihnen an und wo macht man das am besten? Bei Tinder!

Nein, im Studium.  

Letztes Sahnehäubchen

Kreativ zu arbeiten, das ist wundervoll, erfüllend, oft ein wahrgewordener Traum. Wenn man macht, was man liebt, muss man keinen Tag in seinem Leben mehr arbeiten. Nur gibt es da ein Problem und das ist der Rest der Welt. Der stellt sich dir in den Weg, der sagt dir: „Nein, das ist nicht sicher, du brauchst einen anständigen Beruf!“ Doch davon lässt du dich nicht unterkriegen und wir wollten dir mit diesem Text ein kleines bisschen Hoffnung schenken, ein bisschen Mut. Denn du bist nicht allein, wir sind bei dir.

Also hab keine Scheu! Egal ob du Schreibende, Musiker, Tänzerin oder ein anderer Kreativdenkender bist. Such dir Gruppen, besuche Workshops, tu dich mit deinen Kommiliton:innen zusammen, die für dasselbe brennen wie du und kreiere Großartiges und Kreatives mit ihnen! Bleib nicht allein, du Schreiberling. Und halt die Klappe, Hemingway!

geschrieben von Jana Klassen, Marius Tressat, Johanna Knabe, Rosa Petersen und Timea Bayer

Literaturverzeichnis

Amabile, Teresa M.; Pillemer, Julianna (2012): Perspectives on the Social Psychology of Creativity. In: Journal of Creative Behavoir 46(1), S. 3–15.

Hubounig, Sabrina; Ingrassia, Sabrina; Krause, Diana E. (2013): Kreativitätsbarrieren in Gruppen und ihre Überwindung. In: Krause, Diana E. (Hg.): Kreativität, Innovation und Entrepreneurship. Wiesbaden: Springer, S. 93–112.

Preiser, Siegfried; Buchholz, Nicola (2007): Kreativitätstraining. Das 7-Stufen-Programm für Alltag, Studium und Beruf. Augustus Verlag, o.O.

Preiser, Siegfried (2010): Förderung von Kreativität. In: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online. Beltz Juventa, S. 1-32. DOI 10.3262/EEO21100130

Ryan Richard M.; Deci, Edward L. (2000): Intrinsic and Extrinsic Motivations: Classic Definitions and New Directions. In: Contemporary Educational Psychology 25(1), S. 54–67

Sternberg, Robert J.; Kaufmann, James C.; Kaufman, James C. (Hg.) (2018): The Nature of Human Creativity. Cambridge, United Kingdom, New York, USA, Melbourne, Australia, New Delhi, India, Singapore: Cambridge University Press.

Ziaja, Ursula (2021): Was ist Kreativität? Begriffsbestimmungen aus der Kreativitätsforschung. In: Willms, Weertje; Backes, Martina (Hg.): Kontexte kreativen Schreibens. Eine Standortbestimmung in Theorie und Praxis. Berlin: Frank & Thimme, S. 25–37.

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