Seitenrauschen im Brecht-Haus

Vorbei an apricot- und cremefarbenen Hausfassaden führt der Weg an diesem Frühsommerabend zum Brecht-Haus. Die schwüle Luft drückt, doch auf den Straßen herrscht Lebendigkeit. Umso größer der Kontrast des Eingangs zum Literaturforum im Brecht-Haus: Kühle, weiß verputzte Steinwände erinnern an den tunnelartigen Zugang einer Burg.

„Seitenrauschen“ heißt der Abend, an dem zehn Berliner Verlage zehn Autor:innen und ihre aktuellen Bücher vorstellen. Gelesen wird parallel auf zwei Bühnen, im Saal und im Keller des Literaturforums.

Beim ersten Lese-Slot im Keller drängen sich die Menschen dicht an dicht. Manche sitzen sogar auf Plätzen, von denen aus die Bühne kaum zu sehen ist. Die Luft ist schnell verbraucht. Ein Globus leuchtet gegen das dunkelbraune Holz der Bar, über den Köpfen hängt ein roter Lampenschirm mit Fransen. Neben einer Zapfanlage in Form einer Blumenvase reihen sich Fritz-Limo, Proviant und Berliner Pilsner. Die Gespräche sind ausgelassen, es wird gelacht

Den Auftakt macht Helene Bukowski mit ihrem dritten Buch Wer möchte nicht im Leben bleiben (ohne Fragezeichen). Mit weißen Kurzhaarschnitt und ebenso weißen Overknee-Stiefeln erzählt Bukowski vom Entstehungsprozess des Romans und davon, wie die Geschichte ihren Weg zu ihr fand. Ausgehend von Fotos, Dokumenten und einer Chronik rekonstruiert sie das Leben der jungen Pianistin Christina, die sich 1985 das Leben nahm.

Die meisten Informationen über Christina entnimmt Bukowski aus der Chronik von Christinas Vaters. Wie der Vater über Christina schreibt, kommt ihr übergriffig vor und so entscheidet sie sich für eine besondere Erzählweise. Sie adressiert die Distanz zwischen sich selbst als Autorin und Christina, in dem sie Christina mit „du“ anspricht und das lyrische Ich als eine Art Wegbegleiterin in ihre Geschichte einwebt. Auf diese Art schildert sie respektvoll und behutsam Christinas Kindheit als musikalisches Wunderkind, die Beziehung zu ihren Eltern und schließlich, ihren Tod. Die Lesung vermittelt einen Eindruck davon, mit welcher Sorgfalt und Behutsamkeit der Roman entstanden ist.

Vielleicht ist es die zunehmende Sauerstoffknappheit, die dafür sorgen, dass ab der zweiten Lesung immer wieder schallendes Gelächter durch den Raum geht. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass es an den Autor:innen und ihren Geschichten liegt.

Laura Dürrschmidt liest aus ihrem Roman aus Sommer der schlafenden Hunde. Im Zentrum steht die toxische Beziehung dreier Frauen und der Tod einer von ihnen kurz vor dem Ende der Schulzeit. Was zunächst nach einem schweren Stoff klingt, wird immer wieder von überraschend komischen Momenten durchbrochen. Eine Szene über ein extra angemietetes Auto, das als idealer Ort für intensive Streitgespräche dient, bringt den Kellerraum zum Lachen.

Auch Clara Leinemann sorgt mit Gelbe Monster für Lachen. Ihr Roman beschäftigt sich mit weiblicher Wut, Antiaggressionstraining und fragwürdigen therapeutischen Begegnungen in der U-Bahn. Da die Autorin ihren eigenen Text längere Zeit nicht gelesen hat, wie sie sagt, scheint sie manche Stellen gemeinsam mit dem Publikum neu zu entdecken und lacht selbst mit.

Nachdem sich alle Besucher:innen mit kostenlosem Wein im Innenhof des Brecht-Hauses versorgt haben, wechseln wir in den oberirdischen Saal, in dem es kühler ist und die Luft besser. Trotz der vielen Besucher herrscht hier eine konzentrierte Ruhe. Besonders eindrucksvoll ist die Lesung aus Laura Laabs‘ Adlergestell, einem Roman über das Aufwachsen in der Berliner Nachwendezeit, der gefühlvoll und ehrlich wirkte.

Als zweite Autorin las Anja Gmeinwieser aus Wir Königinnen. Die Begegnung zweier Frauen auf einer ungewöhnlichen Reise durch Europa erzählt nicht nur von äußeren Wegen, sondern auch von Veränderung, Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung. Schon die wenigen vorgelesenen Seiten wecken Neugier auf mehr.

Am Ende des Abends nahmen wir nicht nur neue Buchtipps mit nach Hause. Zwischen Kellerhitze, Fransenlampen, konzentrierter Stille und befreiendem Gelächter wurde spürbar, was Lesungen leisten können: Sie machen Literatur zu einem gemeinsamen Erlebnis.

Clara Bärmann, Lisa-Marie Göller, Chris Keck, Rose Kolsch, Lucca Thöne

Spread the love

Veröffentlicht

in

von

Schlagwörter: