Sommerunsterblichkeit

Der Sommer hat etwas ganz Sonderbares an sich. Die wenigen Monate, in welchen die Tage länger als die Nächte und die Hoffnungen größer als die Ängste wirken, bringen eine ganz neue Seite in Menschen zum Vorschein. Eine sorglosere und mutigere. Eine Seite, die uns an all unsere Wünsche glauben lässt, egal wie lange wir auch versucht haben, sie zu vergessen. 

“Was geht gerade da drinnen vor?“

Ich spüre eine sanfte Berührung an meiner rechten Schläfe und wende meinen Kopf der Person neben mir zu. Becca blickt mich mit einem Lächeln auf den Lippen an und blinzelt gegen das Licht der untergehenden Sonne hinter mir.

„Nichts Besonderes“, antworte ich und wende meinen Blick unruhig von Becca ab.

Ich kann mich jedoch nicht lange genug auf den wolkenlosen Himmel über uns konzentrieren, ehe ich meinen Blick wieder nach rechts schweifen lasse. Becca liegt mit geschlossenen Augen neben mir und strahlt im goldenen Licht der Sonne.

„Ich habe mich nur gefragt, was da draußen auf uns wartet“, sage ich und zwinge mich diesmal, meinen Blick auf Becca ruhen zu lassen, „wir haben unser Leben lang nichts außer den Straßen unserer Kleinstadt gekannt und plötzlich steht uns die ganze Welt offen. Hast du denn keine Angst davor?“

Becca muss nichts sagen. Es ist Becca und sie hat keine Angst – niemals. Wir haben schon unser gesamtes Leben lang davon geträumt, eines Tages aus diesen vertrauten Straßen zu verschwinden und unseren eigenen Weg zu gehen, um dann als die Menschen wiederzukommen, die wir immer bestimmt waren zu sein. Becca hat keine Angst, ich aber schon.
Der Himmel um uns herum färbt sich langsam in ein helles Violett, als sich Becca aufsetzt und mich anblickt.

„Ich habe Angst“, sagt sie dann plötzlich, „aber nicht vor der Welt da draußen. Ich habe Angst zu vergessen, wer ich einmal war. Ich habe Angst, vergessen zu werden – nichts Bedeutendes hier getan zu haben, um in Erinnerung zu bleiben.“

Wir blicken uns ein paar unendliche Sekunden an, bis Becca ein leises Lachen ausstößt.

„Tut mir leid“, sagt sie und schüttelt leicht ihren Kopf, „unser letzter Sommertag sollte nicht so rührselig werden. Heute ist nicht der Tag, um ängstlich zu sein. Wir sollten so viel Eis essen, bis wir davon Hirnfrost bekommen, mit den Rädern durch die Stadt fahren und danach zu den Klippen mit ausgebreiteten Armen laufen, weil wir uns dabei so unsterblich wie noch nie fühlen.“

„Daran habe ich auch schon gedacht“, sage ich und setze mich ebenfalls auf.

„Eine weitere Sache, die wir heute nicht tun sollten – Nachdenken“, Becca grinst mich an und steht von unserer Decke auf.

Ich beobachte, wie sie bis zum Ende der Klippen geht und der sanfte Wind mit ihrem blonden Haar spielt. Das Brechen der Wellen dringt zu mir hinauf, als ich aufstehe und meine Augen nicht von Becca lösen kann. Sie zieht ihren weißen Cardigan enger an ihren Körper und ich gehe mit langsamen Schritten auf sie zu, um keine Sekunde von dem Bild zu verpassen. Dieser Anblick ist alles, was ich in diesem Moment brauche – einen brennenden Horizont, das Meer unter mir und das Mädchen, das ich liebe, vor mir. Dieser sonderbare Aspekt des Sommers scheint in mir eine unbekannte Seite hervorzubringen. Ich muss daran festhalten, bevor sie mir wie die wärmenden Strahlen der Sonne eines Tages entgleiten wird. 

„Ich habe nachgedacht“, sage ich, als ich neben Becca zu stehen komme und wir unseren Blick auf das goldene Meer vor uns richten.

„Habe ich dir nicht gesagt, dass du das heute nicht tun sollst?“, lacht Becca auf und wendet mir amüsiert ihren Blick zu.

„Ich hab an dich gedacht, Becca“, sage ich mutig, „Ich habe heute an dich gedacht. Gestern, vorgestern und an jeden einzelnen Tag der letzten Monate. Und ich möchte, dass du weißt, dass ich auch Angst habe. Nicht vor der Zukunft oder hier vergessen zu werden. Ich habe Angst, nicht mehr Teil deines Lebens zu sein, wenn da jemand an deiner Seite ist, der dich liebt.“

Für einen kurzen Moment sieht mich Becca überrascht an, bis sie ihren Blick abwendet und die Arme um ihren Körper schlingt.

„Abgesehen davon, dass mich vermutlich niemals jemand lieben wird, kann ich dich niemals vergessen.“

„Becca“, versuche ich sie zu unterbrechen, doch sie reckt nur das Kinn nach oben und schließt ihre Augen.

„Ich bin diejenige, die Angst haben müsste, von dir vergessen zu werden. Du mit deinen großen Träumen und deinem unverschämt schönen Lächeln. Du wirst eines Tages an das Mädchen aus der Kleinstadt denken, die nur mehr eine ferne Erinnerung ist. Davor sollte ich Angst haben – nicht du.“

Rebecca“, sage ich mit fester Stimme und bringe sie dazu, mich endlich anzusehen.

„Du hörst dich an wie mein Vater“, stößt sie lachend aus.

„Das ist mir egal. Ich werde dich nie vergessen. Wenn du nicht in mein Leben gekommen wärst, wäre ich niemals die Person geworden, die ich heute bin. Wer auch immer an deiner Seite sein wird, ist der glücklichste Mensch auf dieser Welt. Selbst wenn ein Ozean zwischen uns liegen wird, werde ich dich niemals vergessen. Versprochen.“

Becca blickt mich an und die letzten Strahlen der Sonne bringen ihre Augen zum Glänzen. Sie sagt kein Wort, der Wind und das Rauschen des Meeres übernehmen die Worte für sie. Vielleicht wird sie nie mein sein und vielleicht ist dieser Sommertraum alles, was mir diese Liebe jemals geben kann. Doch selbst wenn der Sommer das Einzige ist, was uns von nun an bleiben wird, würde ich jede Sekunde davon festhalten und nie wieder loslassen.
Ich spüre ihre Finger sanft gegen meine streichen, bis sie sich ineinander verschränken.

„Ich habe es immer geliebt, wie gut deine Hand in meine passt“, sagt Becca und lächelt mich an.

Und in diesem Moment fühle ich mich tatsächlich unsterblich.

Autorin: Larissa Jank studiert Kreatives Schreiben und Texten in Berlin an der SOPA (Berlin School of Popular Arts)

Titelbild from Larissa A. Jank (@neptun_vii)

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