Abtauchen

Stille um mich herum. Die Welt ausgesperrt.
Ich bin frei.
Frei von Ängsten und Sorgen, die ich an der Oberfläche zurückgelassen habe. Negative Gedanken nur noch kleine Blasen über mir.
Je tiefer ich sinke, desto weiter entferne ich mich von ihnen. Stattdessen ein anderes Gefühl in meinem Herzen.
Geborgenheit.
Kein Chaos mehr im Kopf, nur noch fühlen.
Wohlfühlen.
Umgeben von Stille und Schwärze. Keine beängstigende Schwärze. Eine beruhigende Schwärze. Sie ruft nach mir.
Ich gebe nach und sinke immer tiefer.
Es ist kalt. Aber nicht unangenehm kalt. Wie kann es so schön sein, von klarer Kälte umhüllt zu werden? Sie ist einfach da, hält mich in den Armen, lässt mich nicht alleine.
Hier unten.
Ich wünschte, ich könnte ewig hierbleiben.
Alles vergessen.
Für immer schweben.
Für immer frei sein.
Für immer sinken.
Eins mit der Kälte sein.
Aber meine Zeit läuft langsam ab. 

Mein Körper schreit mich an.
Ich versuche zurück zu schreien.
Lass mich in Ruhe! Ich will nicht wieder nach oben, sondern weiter nach unten.
Weiter sinken.
Immer weiter, bis ich ganz unten angekommen bin und meine Füße sich in den Sand graben können. Wie ein Anker, der endlich sein Ziel erreicht hat.
Aber mein Körper gehorcht mir nicht. Er macht genau das, was ich nicht will.
Nach oben gleiten.
Weg von der Dunkelheit.
Weg von der Kälte.
Weg von der Freiheit.
Ich will nicht zurück! Ich bin noch nicht bereit für die Welt, die oben auf mich wartet.
Bitte!
Nur noch ein kleines bisschen länger schwerelos sein.

Mein Körper lacht mich aus. Ich werde nie bereit sein.
Nach unten schweben ist leicht.
Nach oben kämpfen ist schwer.
Ich bin machtlos, habe keine Wahl.

Mein Körper hat gewonnen. Er kennt mich zu gut. Bewahrt mich vor meinem Schicksal, auch wenn ich ihn dafür hasse.
Ich ergebe mich dem Aufstieg, aber mein Herz habe ich dort unten verloren. 

Autorin: Katharina Glaser studiert Kreatives Schreiben und Texten an der SOPA (Berlin School of Popular Arts).

Titelbild von © Katharina Glaser

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